Wahlprüfsteine Bündnis 90/Die Grünen

Frage 1: Der Generationenvertrag: Nachhaltige multifunktionale Forstwirtschaft
Nach Jahrhunderten der Übernutzung und des Raubbaus sowie einschneidenden historischen Ereignissen haben sich die Waldfläche insgesamt und der ökologische Zustand der heimischen Wälder sukzessive verbessert. Dies ist das Ergebnis der in Deutschland praktizierten nachhaltigen multifunktionalen Forstwirtschaft, die auf den praktischen und wissenschaftlichen Erfahrungen vieler Generationen von Waldbesitzenden, Förstern, Naturschützern und Wissenschaftlern basiert.
Halten Sie dieses Konzept vor dem Hintergrund der großen globalen Herausforderungen wie Bevölkerungswachstum, Klimawandel und Verlust der biologischen Vielfalt für geeignet, um den Herausforderungen national wie international wirksam zu begegnen?
 
Antwort:
Wir wollen eine nachhaltige und multifunktionale Forstwirtschaft, da nur diese den Herausforderungen gewachsen ist.  Angesichts der durch den Klimawandel bedingten Zunahme von Extremwetterlagen müssen die Wälder stabiler und vitaler werden, um ihre vielfältigen Leistungen weiterhin erbringen zu können. Diese Stabilität kann nur durch biologische Vielfalt erreicht werden.
Wir sind überzeugt, dass es ökologische Mindeststandards für die Waldbewirtschaftung braucht. Denn nur sie können arten- und strukturreiche und damit naturnahe und vitale Wälder mit vielfältigen Habitaten für Pflanzen und Tiere schaf­fen, die dauerhaft als CO2-Speicher wirken, für die Reinigung des Regenwassers sorgen und nicht zuletzt durch eine Win-win-Situation für Ökologie und Ökono­mie die Produktivität der Wälder erhöhen. Regional auftretende Übernutzungen bis hin zum Kahlschlag, An­fälligkeit gegenüber Schädlingsbefall, Stürmen und Waldbrand – um nur einige Problembereiche zu nennen –zeigen den akuten Handlungsbedarf für eine nachhaltige multifunktionale Waldbewirtschaftung.
 
 
Frage 2: Dem Ökologischen Wandel begegnen
Der bereits deutlich spürbare Klimawandel, aber auch weitere anthropogene Negativeinflüsse wie Fremdstoffeinträge oder lokale Grundwasserabsenkungen, gefährden das Ökosystem Wald als Lebensgrundlage der Menschen. Zunehmende Wetterextreme in Form von Hitzeperioden, Stürmen und Starkregenereignissen schwächen bzw. schädigen die Wälder und erhöhen die Gefahr von existenzbedrohenden Kalamitäten, wie großflächigen Schädlingsbefall.
Wo sehen Sie in diesem Zusammenhang akuten Handlungsbedarf und mit welchen Mitteln werden Sie die essentielle Adaption der Wälder an den ökologischen Wandel unterstützen und befördern?
Wie positionieren Sie sich zum Pflanzenschutzmitteleinsatz als ultima ratio im Rahmen des integrierten Waldschutzes?
Welche Konzepte verfolgen Sie zur bundesweiten Sicherstellung ökosystemgerechter Wildbestände?
 
Antwort:
Ein gesunder naturnaher Wald ist am besten für die Adaption an den Klimawandel gewappnet. Hierfür streben wir eine verbindliche Umsetzung einer naturnahen Waldbewirtschaftung in allen Eigentumsarten an. Ziel ist der Umbau der Wälder in naturnahe Wälder mit standortheimischen Baumarten zu fördern und Waldflächen nach dem Prinzip des naturnahen Dauerwaldes zu bewirtschaften. Dies bedeutet eine Anhebung des Holzvorrates, eine Vergrößerung der Totholzvorräte, das Ausbleiben von Kahlschlägen, die Förderung von Mischbeständen und die Schaffung von vielfältigen Strukturen.
Der in großen Teilen der Landwirtschaft praktizierte Pestizideinsatz hat sich als Sackgasse erwiesen. Er kann deshalb nicht Vorbild für die Waldwirtschaft sein und muss wirklich ultima ratio und Ausnahme für wenige klar definierte Fälle bleiben.
Wir setzten uns für eine naturnahe Waldwirtschaft und für einen Umbau von Altersklassenwäldern und von Kiefern- und Fichten-Monokulturen in naturnahe Misch und Dauerwälder ein. Allerdings gibt es in vielen Wäldern Wildschäden aufgrund überhöhter Schalenwildbestände. Ein Umbau zur naturnahen Waldwirtschaft wird dadurch erschwert. Wir wollen daher eine Jagd, die Bestandteil einer nachhaltigen Waldbewirtschaftung und der nachhaltigen Nutzung des Offenlandes sowie Tierschutz konform ist. Nur mit einer modernisierten und zeitgemäßen Jagd wird man auch eine breite gesellschaftliche Akzeptanz bekommen. Das geltende Jagdrecht ist noch nicht fit für die heutigen Erfordernisse des Arten– und Naturschutzes sowie der naturnahen Waldbewirtschaftung.
 
 
Frage 3:
Der Klimaschutzplan 2050 beschreibt die hochambitionierten und zugleich essentiellen Klimaschutzziele der Bundesregierung bis zum Jahr 2050 und hebt die herausragende Bedeutung des Waldes und seiner nachhaltigen Bewirtschaftung für einen wirksamen Klimaschutz hervor. Schon heute zeichnet sich ab, dass Zwischenziele verfehlt werden. Konkrete Maßnahmen zur Erreichung der Ziele fehlen noch weitgehend. Das Klimaschutzgutachten der Wissenschaftlichen Beiräte für Agrar- und Waldpolitik des BMEL zeigt die Klimaschutzpotenziale von Forst und Holz sowie mögliche Strategien zum Erhalt und zur Steigerung der Klimaschutzleistungen der Wälder und der hierfür gebotenen Bewirtschaftung auf.
In welcher Rolle sehen Sie den Wald und die Forstwirtschaft mit Blick auf den Klimawandel und mit welchen konkreten Maßnahmen planen Sie die Klimaschutzleistungen des Waldes und seiner nachhaltigen Bewirtschaftung zu erhalten oder zu fördern?
Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang die Sicherung von Nadelholzanteilen oder die Integration von bewährten nichtinvasiven, fremdländischen Baumarten?
 
Antwort:
Der Wald kann eine wichtige Rolle im Klimahaushalt spielen und als wichtige Senke fungieren. Dafür sind naturnahe und alte Wälder besonders gut geeignet, da alte Bäume mehr Kohlenstoff im Holz speichern können als junge Wälder. Gerade aus Gründen der Klimafolgenanpassung, sehen wir den Anteil der Nadelholzmonokulturen derzeit vielerorts als zu hoch an. Viele der großflächig gepflanzten nicht standortheimischen Kiefern– und Fichtenforste halten z.B. Stürmen oft nicht stand und sind kaum fähig sich an die Klimakrise anzupassen.
Zugleich ist Holz aus ökologisch nachhaltiger Produktion ein wichtiger Rohstoff. Zur Förderung des Bauens mit Holz müssen die Rahmenbedingungen deutlich verbessert werden, etwa durch eine nationale Holzbaustrategie nach schwedischem Vorbild, die Berücksichtigung der Emissionen durch die Herstellung von Baummaterialien in der Energiesparverordnung sowie bessere Förder- und Marktanreizprogramme beim Einsatz nachwachsender Rohstoffe im Baubereich.
 
 
Frage 4: Bewirtschaftungseinschränkungen und Flächenstilllegungen gefährden Wirtschaftlichkeit
Zunehmende Bewirtschaftungseinschränkungen und Bestrebungen zur Ausweisung großflächiger Stilllegungsflächen gefährden über alle Waldbesitzarten hinweg die Wirtschaftlichkeit der Forstbetriebe. 2 Millionen Waldbesitzer und ihre Familien, Kommunen, Länder und der Bund liefert die nachhaltige Waldbewirtschaftung eine wichtige Einkommensquelle. In der nachgelagerten holzbasierten Wertschöpfungskette sind weitere rund 1,1 Mio. Menschen beschäftigt. Indikatoren der Bundeswaldinventur und der Erhebungen zur Entwicklung der Biologischen Vielfalt weisen auf eine stetige Verbesserung der ökologischen Eigenschaften des heimischen Waldes hin.
Welche Strategie verfolgen Sie zur Auflösung dieses Zielkonflikts auch vor dem Hintergrund der notwendigen Ressourceneffizienz und der Gefahr der Produktionsverlagerung in Länder mit geringeren sozialen und ökologischen Standards?
 
Antwort:
Es ist erklärtes Ziel der Nationalen Biodiversitätsstrategie 5% des Waldes (10 % des Waldes in öffentlicher Hand) dauerhaft seiner natürlichen Entwicklung zu überlassen. Im Privatwald folgt die Umsetzung auf freiwilliger Basis. Durch ambitionierte ökologisch-soziale Standards für Importe,– ökologisch anspruchsvolle Zertifizierung, finanzielle Förderung, oder anderen Möglichkeiten der Ausgleichszahlungen bzw. Flächentausch könnten entsprechende Rahmenbedingungen und Anreize geschaffen werden. Zugleich ist Holz aus ökologisch nachhaltiger Produktion ein wichtiger Rohstoff mit Zukunft z.B. in der Bauwirtschaft. Durch eine bessere Kaskadennutzung können die existierenden Holzvorräte effizienter genutzt und gleichzeitig ihre Klimaschutzwirkung weiter gesteigert werden.
 
 
Frage 5: Öffentliche Mittel für gesellschaftliche Leistungen
Forstbetriebe sind bis heute maßgeblich auf den Holzverkauf angewiesen. Bislang existieren keine geeigneten Mechanismen zur Honorierung der umfassenden Waldökosystemleistungen in den Bereichen Arten-, Wasser-, Luft- und Bodenschutz sowie Erholung.
Welche Position vertreten Sie zur Forderung einer zukünftig angemessenen Honorierung von Waldökosystemleistungen und welche Instrumente halten Sie dazu für geeignet?   
 
Antwort:
Wir wollen gesellschaftliches Geld für gesellschaftliche Leistung einsetzen. Das betrifft vom Umfang her in erster Linie die EU-Agrargelder. Wir wollen damit der Landwirtschaft auch eine Forstwirtschaft fördern, die Klima und biologische Vielfalt schützt, die unsere natürlichen Lebensgrundlagen schützt und erhält und die BäuerInnen und WaldbesitzerInnen ein auskömmliches Wirtschaften in lebenswerten ländlichen Räumen ermöglicht. Dazu wollen wir auch für den Wald einen Vertragsnaturschutz etablieren, der Privatwaldbesitzer im Bestreben nach einer Ökologisierung der Waldbewirtschaftung unterstützt.
 
 
Frage 6: Ausbildung, Forschung, Innovation
Notwendige Adaptionsprozesse mit Blick auf den ökologischen Wandel, den demographischen Wandel und die fortlaufend erforderlichen Innovationen stellen die Branche vor große Herausforderungen.
Welche Konzepte verfolgen Sie, damit auch zukünftig flächendeckend hervorragend ausgebildetes Forstfachpersonal in ausreichender Anzahl zur Verfügung steht? Wo werden Sie im Bereich der Waldforschung Schwerpunkte setzen und welchen Stellenwert messen Sie der Innovation im Bereich der Forstwirtschaft zu?
 
Antwort:
Die Forstverwaltungen sind flächendeckend in Deutschland dem Abbau der öffentlichen Strukturen mit zum Opfer gefallen und haben oft zu wenig Personal. Eine ausreichende Ausstattung ist hier zwingend notwendig. Die Forschung sollte sich am Zieleiner naturnahen, klimaresilienten Waldwirtschaft mit einem Umbau von Altersklassenwäldern und von Kiefern- und Fichten-Monokulturen in naturnahe Misch-und Dauerwälder orientieren. Dafür sollten mehr Mittel zur Verfügung gestellt werden.
 
 
Frage 7: Weiterentwicklung der Förderung und Betreuung des Nichtstaatswaldes
Die Waldbesitzstrukturen im Privat- und Körperschaftswald führen in vielen Regionen zu strukturellen Nachteilen. Die Weiterentwicklung der öffentlichen Förderung und Betreuung ist auch vor dem Hintergrund kartell- und beihilferechtlicher Entwicklungen und den Herausforderungen des ökologischen Wandels eine zentrale Aufgabe in den kommenden Jahren.
Wie werden Sie flächendeckend verlässliche Betreuungsangebote und eine nachhaltige Förderung der Forstwirtschaft sicherstellen und welche Impulse im Bereich der Förderung streben Sie an?
 
Antwort:
Wir haben uns im Bundestag und Bundesrat dafür eingesetzt, dass das Bundeswaldgesetz eine dauerhafte Fortführung der bewährten Strukturen zur Unterstützung des nichtstaatlichen Waldbesitzes durch die Landesforstverwaltungen im Sinne einer nachhaltigen und gemeinwohlorientierten Waldbewirtschaftung in den Bundesländern ermöglicht. Für uns sind Leistungen, die der Vermarktung des Holzes vorgelagert sind, wie z. B. die Auswahl und Markierung der für den Einschlag des Holzes vorgesehenen Bäume, als waldbauliche Maßnahmen anzusehen, die der langfristigen ökologischen und ökonomischen Wertsteigerung der Wälder dienen und nicht der Holzvermarktung zugerechnet werden können. Nach dem Urteil des OLG Düsseldorf im Rechtsstreit zwischen Baden-Württemberg und dem Bundeskartellamt muss zügig eine Lösung für das Bundeswaldgesetz gefunden werden, welche eine Konformität mit Europarecht sicherstellt und gleichzeitig die weitgehende Erhaltung und sinnvolle Weiterentwicklung der bisherigen funktionierenden Strukturen in vielen Bundesländern ermöglicht.
 

Frage 8: Verbesserung der gesellschaftlichen Akzeptanz für verantwortungsvolle Waldnutzung
Verbunden mit der Urbanisierung und einer fortlaufenden Naturentfremdung scheint die gesellschaftliche Akzeptanz für eine (verantwortungsvolle) Waldnutzung zu sinken.
Welchen Stellenwert messen Sie einer Verbesserung der gesellschaftlichen Akzeptanz für eine nachhaltige Waldnutzung zu und mit welchen Maßnahmen gedenken Sie einen Umdenkungsprozess einleiten zu können?
 
Antwort:
Die Naturbewusstseinstudien des BfN belegen, welch hohen Stellenwert Natur, Wildnis und Wald bei den Menschen haben. Auch gibt es einen großen Rückhalt für Wildnis, und insbesondere Wildnis im Wald. Daher sollten wir daran arbeiten den naturnahen Waldumbau zu realisieren und Wildnis im Wald auf 5 % der Fläche, wie in der Nationalen Biodiversitätsstrategie vorgesehen, umzusetzen. Auch das steigert – ebenso wie eine offensive Informationspolitik der Forstverwaltungen – die Akzeptanz für naturnahe Waldwirtschaft.
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